Hamburg, 07.11.2025
Primärversorgung muss neu organisiert werden
Rund 75 Prozent der Versicherten in Hamburg haben in jedem Quartal mindestens einen Arztkontakt. Durchschnittlich sind es sogar 5 Kontakte bei einem oder mehreren Ärzten. Diese hohe Inanspruchnahme der ambulanten ärztlichen Versorgung geht aus einer Erhebung des BKK-Landesverbandes NORDWEST hervor.
Angesichts des demografischen Wandels – immer mehr Ärzte gehen in den Ruhestand bei einer gleichzeitig alternden Bevölkerung – führt diese hohe Anzahl an Arztterminen auf Dauer zu einer Überlastung des Gesundheitswesens. Während in der Altersgruppe zwischen dem 20. und 24. Lebensjahr im Durchschnitt 3,8 Arztkontakte je Quartal anfallen, sind es zwischen dem 65. und 69. Lebensjahr 5,8. Rund die Hälfte dieser Termine entfällt in Hamburg auf Hausarztpraxen. Die Bundesregierung plant vor diesem Hintergrund die Einführung eines Primärversorgungssystems, um die Patientinnen und Patienten besser durch das Gesundheitswesen zu lotsen.
In der Gynäkologie wurde im 1. Halbjahr 2024 in Hamburg von jeder 3. Patientin noch eine zweite Praxis aufgesucht. Auch in der hausärztlichen Versorgung suchen 28 Prozent der Patientinnen und Patienten noch eine zweite oder sogar 3. Hausarztpraxis auf. Jeder vierte Patient in Hamburg sucht ohne Hausarztkontakt direkt eine Facharztpraxis auf.
Momentan trägt das Gesundheitssystem die hohe Anzahl an Arztkontakten nur, weil es in Deutschland im europäischen Vergleich eine sehr hohe Anzahl an ambulant tätigen Ärzten bezogen auf die Bevölkerung gibt. Deshalb begrüßt auch der BKK-Landesverband NORDWEST den Gedanken einer stärkeren Steuerung und Koordination der Arztbesuche. Dirk Janssen, Vorstand des BKK-Landesverbandes NORDWEST: „Selbst in Hamburg mit seiner statistisch sehr hohen Arztdichte, haben Patientinnen und Patienten oft Schwierigkeiten, Termine oder gar einen aufnahmebereiten Arzt zu finden. Alles, was den Zugang zu medizinisch notwendigen Behandlungen verbessert, begrüßen wir.“ Der Wechsel zu einem Primärarztsystem, bei dem die fachärztliche Versorgung nur per Überweisung aufgesucht werden kann, wäre allerdings zu kurz gedacht. „Damit würden wir nur den einen Flaschenhals durch einen anderen ersetzen“, so Janssen weiter. Mittlerweile haben viele Menschen beispielsweise im Hamburger Süden auch das Problem, überhaupt einen Hausarzt zu bekommen. Eine grundsätzliche Limitierung auf einen Hausarzt, der die Überweisung zu Fachärzten vornimmt, könne die bereits überlasteten Notaufnahmen der Krankenhäuser zusätzlich belasten.
Digital oder KI- gestützte Anamnese im Vorfeld
Deswegen stellt sich der BKK-Landesverband NORDWEST viel mehr als nur ein Primärarztsystem vor. Gleich mitgedacht werden müsse die digitale Weiterentwicklung der Patientenleitstellen „116 117“ zu einem KI-gestützten Ersteinschätzungssystem, welches im Vorfeld die Anamnese und Dringlichkeit bewerten könnte. Zudem sollten die Termine nicht nur arztzentriert organisiert werden. Physician Assistants etwa könnten künftig eine wichtige Rolle übernehmen. Ein Physician Assistant entlastet Ärztinnen und Ärzte, damit diese mehr Zeit für ihre Kernaufgaben haben. Dazu gehören Aufgaben wie die Erstellung der Diagnose und des Behandlungsplans.
„Ein Primärversorgungssystem ist keine billigere Versorgung, wie häufig von Politikerinnen und Politkern dargestellt. Patientinnen und Patienten treten keinem Rabatt-Club bei.“ Vielmehr müsse es dadurch überzeugen, zum richtigen Zeitpunkt die richtige medizinische Versorgung zu erhalten, so Dirk Janssen. Auch die Betriebskrankenkassen möchten ihre Versicherten noch besser unterstützen, sie beispielsweise darüber informieren, dass eine Auffrischungsimpfung anstehe oder es spezifische Präventionsangebot gäbe. Bislang ist dies jedoch gesetzlich überbürokratisiert. Hier erwartet der BKK-Landesverband NORDWEST in der anstehenden Reform mehr Möglichkeiten im Sinne der Versicherten.
Der BKK-Landesverband NORDWEST ist die Interessensvertretung der Betriebskrankenkassen und schließt für die Versicherten in NRW, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern die Versorgungsverträge mit den Partnern im Gesundheitswesen.
Ansprechpartner:
Georg Stamelos, Pressesprecher
Tel.: 0201/179-1516, Mobil: +49 152 28875975
E-Mail: georg.stamelos@bkk-nordwest.de